Buchpremiere und Ausstellungseröffnung
„Fluchtpunkt Kunst“ – Greifswalder Kunst im Untergrund der 1980er Jahre
Freitag, 24. Juli 2026, 17.00 Uhr
Falladahaus, Steinstraße 59, Greifswald

Die Pommersche Literaturgesellschaft lädt herzlich zur Buchpremiere von Lutz Wohlrabs neuem Buch Fluchtpunkt Kunst ein. Gleichzeitig eröffnen wir eine Ausstellung mit Originalmaterialien jener außergewöhnlichen Greifswalder Kunstszene der 1980er Jahre, von der das Buch erzählt, sowie mit Malereien von Lutz Wohlrab aus den 1980er Jahren bis in die Gegenwart.
Im Mittelpunkt steht eine Gruppe junger Greifswalder Studenten, die sich Anfang der 1980er Jahre jenseits der offiziellen Kulturpolitik einen eigenen Freiraum schuf. In Wohnungen, Hinterhöfen, auf Dachböden und in den Räumen der Evangelischen Studentengemeinde entstanden Künstlerbücher, Linolschnitte, Mail Art, Filme, Ausstellungen und improvisierte Hoffeste – eine unabhängige Kunstszene, die Kreativität als Form geistiger Freiheit verstand.
Lutz Wohlrab schildert diese Jahre nicht aus historischer Distanz, sondern als Beteiligter. Er erzählt von den legendären Hoffesten in der Gützkower Straße, dem handgedruckten Künstlerbuch FHUNDE und Gedichte von Fukarek, der ersten Buchpremiere im privaten Rahmen, von Plakataktionen in der Greifswalder Altstadt, Mail-Art-Projekten und Ausstellungen sowie von der engen Zusammenarbeit mit Martin Bernhardt, Dietrich Buhrow, Michael Fukarek, Oskar Manigk, Sibylle Leifer und weiteren Künstlerinnen und Künstlern.
Die Geschichte ist zugleich ein eindrucksvolles Dokument politischer Repression. Die Staatssicherheit überwachte den Freundeskreis über Jahre, eröffnete den Operativen Vorgang „Lyrik“, setzte zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter ein und reagierte auf die künstlerischen Aktivitäten mit Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Untersuchungshaft, Beschlagnahmungen und Studienausschlüssen. Das Buch dokumentiert diese Vorgänge anhand von Erinnerungen, Stasi-Unterlagen und bislang kaum gezeigten Materialien.
Die begleitende Ausstellung macht diese Geschichte anschaulich. Zu sehen sind unter anderem:
- originale Linolschnitte, Materialdrucke und Frottagen,
- Künstlerbücher und Druckgrafiken,
- Einladungen, Plakate und Faltblätter,
- Mail-Art-Arbeiten,
- Fotografien der Hoffeste, Buchpremieren und Ausstellungen,
- Dokumente der Staatssicherheit,
- Materialien zur Zusammenarbeit mit Oskar Manigk und Sibylle Leifer sowie zur Greifswalder Mail-Art-Szene,
- ausgewählte Gemälde von Lutz Wohlrab aus vier Jahrzehnten.
Die Ausstellung zeigt, dass Greifswald in den achtziger Jahren nicht nur die Stadt der Universität und des Kernkraftwerks war, sondern auch ein Ort einer lebendigen alternativen Kunst- und Literaturszene. Unter den Bedingungen staatlicher Kontrolle entstanden Werke, die heute als Zeugnisse unabhängiger Kultur in der DDR gelten. Das Buch verweist zugleich auf die aktuelle Wiederentdeckung dieser Arbeiten – etwa durch Ausstellungen im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus und in der Gedenkstätte der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaft Rostock.
Viele der im Buch geschilderten Ereignisse spielten sich nur wenige Gehminuten vom heutigen Falladahaus entfernt ab. (Auch im „Falladahaus“ wohnten junge Hausbesetzer das leergezogene Haus instand). Gerade deshalb ist dieser Ort ein besonders passender Rahmen für Buchpremiere und Ausstellung.
Zur Eröffnung wird Lutz Wohlrab aus seinem Buch lesen und über die Entstehung der Greifswalder Untergrundkunst, ihre Akteure und die Folgen der staatlichen Verfolgung sprechen. Anschließend besteht Gelegenheit zum Gespräch sowie zur Besichtigung der Ausstellung.
Der Eintritt ist frei.
Die Ausstellung ist bis 2. Oktober 2026 im Falladahaus zu sehen. Sie erzählt von einer Generation junger Greifswalder, die sich mit künstlerischen Mitteln Freiräume schuf und dafür einen hohen persönlichen Preis zahlte. Zugleich dokumentiert sie ein außergewöhnliches Kapitel der jüngeren Greifswalder Kulturgeschichte – eine Geschichte von Kunst, Freundschaft, Zivilcourage und dem Beharren auf geistiger Freiheit unter den Bedingungen der Diktatur.