Reuter-Sätze

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 490

Mit 25 Jahren wurde Fritz Reuter (1810 – 1874), der eigentlich Heinrich Ludwig Christian Friedrich Reuter hieß, wegen »Teilnahme an hochverräterischen burschenschaftlichen Verbindungen in Jena und Majestätsbeleidigung« zum Tode verurteilt. Wäre das Urteil gefällt und nicht nach zermürbender halbjähriger Wartezeit umgewandelt worden in zunächst 30 Jahren Festungshaft, später dann nochmals verkürzt auf acht Jahre Haft, Literatur- und Menschenfreunde wären um einige Bücher und damit wunderbare Lebenssentenzen ärmer.

Ich mag viele seiner klugen Sätze sehr. Sie sind, man fast sich an die Stirn und glaubt zu träumen, scheinbar für unsere (so gesehen für jede?) Zeit geschrieben: »Wenn sie doch auf den Kanzeln nicht immer von Verführung und bösen Beispielen predigen wollten! Der schlimmste Verführer wohnt in den Menschen selber, und Satan braucht nicht erst von außen anzupochen, weil er mit ihnen, in ihnen geboren wird.«

Oder: „So gleichmäßig sacht fließt kein Lebenslauf, dass er nicht einmal gegen einen Damm stößt und sich dort in einem Kreisel dreht, oder dass ihm die Menschen Steine in`s klare Wasser werfen!«

Oder noch unglaublicher: »Einen gesetzlichen Vorzug des Reichthums und einen gesetzlichen Nachtheil der Armuth darf es nicht geben. Freie Bahn! Und wir schlagen Dich, Junker, im ersten Rennen und wir übertölpeln Dich, Geldbeutel, bei der ersten Actienwette. Mit uns streiten Deine Furcht vor dem Socialismus und Deine Angst vor dem Communismus; diese Gespenster, welche Deine Gewissensbisse heraufbeschworen haben, sind unsere Bundesgenossen.« Letzteres aus »Herr von Hakensterz und seine Tagelöhner« (1845-47).

Und für all jene, die gelegentlich mit der übermächtigen Einsamkeit hadern, diese zwei Mutmachersätze: »Einsamkeit ist eine Feindin, mit der man ringen muss – Tag und Nacht – bis die Überwundene uns ihre köstlichen Gaben reicht: Freiheit des Herzens, Freiheit des Gedankens, Freiheit des Willens. Der einsamste Mensch vermag Kräfte der Seele zu gewinnen, die der in tausend irdische Lebensbande Verstrickte nie erfassen kann.«

Und… sollte ARTus doch mal abtreten, sich vom Leben vorzeitig verabschieden müssen, wünscht er sich Reuters Trauer- und Trostspruch nachgerufen: »Ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen. Ich bin ich, ihr seid ihr. Das, was ich für dich war, bin ich immer noch. Gib mir den Namen, den du mir immer gegeben hast. Gebrauche nicht eine andere Lebensweise. Sei nicht feierlich oder traurig. Lache weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben. Ich bin nicht weit weg, ich bin nur auf der anderen Seite des Weges.«  ARTus

Am Sonntag, vor genau 200 Jahren, wurde Fritz Reuter geboren. Er ist einer der bedeutendsten Dichter der Niederdeutschen Sprache. Zeichnung: ARTus