Das Buch von den Wenden

Mit ihrer Ironie und ihrer listigen, erfindungsreichen Verfremdung bringen Buchmanns Satiren und imaginäre Buchbestrechungen das Verborgene und Ungesagte ans Licht. Sie ermutigen weniger dazu, mit gedankenlosem Lachen herauszuplatzen, als innezuhalten und lächelnd sich selber und die eigene Lage wiederzuerkennen.

Wenn es zum Beispiel um die Eigenarten der wendischen Orthographie geht, macht Buchmann mit listiger Verwunderung darauf aufmerksam, dass im Wendischen nicht nur manche Laute wie das [w] vor [u] oder [o] stumm sind, sondern dass sogar ganze Wörter über Nacht verstummen, wie z.B. die Namen von wendischen Schulen oder Dörfern. Oder da ist die schwierige Aussprache des Sorbischen, die derart heikel ist, dass es bisher noch keinem Deutschen gelungen ist, einen einzigen Satz der Entschuldigung für das Unrecht an den Wenden hervorzubringen. Dieser verschmitzte Witz befreit für einen Augenblick vom Druck der Melancholie und des Schweigens und macht es leichter, eine Last zu tragen, deren Existenz nun einmal nicht zu leugnen ist.

„Um Himmelswillen, wozu denn Wendisch lernen“, fragen den Autor die Leute, „das spricht doch kaum mehr einer“. Und die schlitzohrige Antwort lautet: „Deswegen lerne ich´s ja. Da ist es schon einer mehr“. Gerade dort, wo das Leben schwer wird, findet Buchmann Erleichterung in dieser ironischen Heiterkeit, ohne die Tragik zu leugnen, wenn er schreibt: „Früher war die Sache einfacher: Wenn du Wendisch gesprochen hast, hast du Prügel bezogen. Ein Vergnügen war das nicht, aber man wusste wenigstens, woran man war.“ Und heute? Da sei das Wendischsprechen jederzeit erlaubt, sogar dort, wo es nun wirklich nicht nötig sei – Hauptsache, es koste nichts. Wenn das Wendische schon seit dem Mittelalter verboten und gleichermaßen von den Preußenkönigen, von Bismarck, von der Weimarer Republik usw. verfolgt worden sei, dann könne man schon verstehen, dass die heutigen Kulturbehörden ungeduldig würden, wenn die Sorben immer noch etwas wollten. …

Die Lüge, die Verdrängung, das Schweigen soll endlich aufhören, der Normalfall zu sein. Es wäre schade, wenn unser Volk einem Dichter, der ihm so wohlgesonnen ist, kein Ohr schenken würde.

/ M. Walde, Nowy Czasnik

Jürgen Buchmann, Encheiridion Vandalicum oder Das Buch von den Wenden. Leipzig: Reinecke & Voß 2012. Bestellen können Sie es unter info@reinecke-voss.de ISBN 978-3-942901-02-4. Es kostet 10 €.

1 Comments

  1. Den Beitrag würde ich am liebsten re-bloggen. Das, was zum Wendischen und Sorbischen (eigentlich sind es zwei eigenständige Sprachen) geschrieben steht, könnte so auch für das Plattdeutsche in Vorpommern stehen:

    „Um Himmelswillen, wozu denn Plattdeutsch lernen?“ fragen die Leute, „das spricht doch kaum mehr einer“. Und die Antwort müsste lauten: „Deswegen lern ich’s ja. Da ist es schon einer mehr.“

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